Thomas Mergel
Köln im Sommer 1914: Kriegsbegeisterung und Kriegsbesorgnis

Der Juli 1914 war schön. Dreizehn Sommertage und Höchsttemperaturen von über 30 Grad trieben die Leute in die Bäder und die Wälder. Aber sie waren in gespannter Erwartung. Am 28. Juni war in Sarajewo der österreichische Thronfolger von einem serbischen Nationalisten ermordet worden, und da in Wien die Militärs auf eine massive Antwort drängten, da Russland die Serben unterstützte und Frankreich mit Russland verbündet war, stand ein europäischer Krieg am Horizont. Das mit Österreich-Ungarn verbündete Deutsche Reich würde daran beteiligt sein. Als am 25. Juli die Nachricht von einer österreichischen Teilmobilmachung die Runde machte, brach in Köln, wie in vielen anderen Städten des Reiches, die Kriegsbegeisterung aus. „Durch die Morgenzeitungen war die Bevölkerung Kölns auf die Wichtigkeit der bevorstehenden Entscheidung hingewiesen worden. Nachmittags füllten sich die Hauptstrassen und die Wirtshäuser, zumal es Samstag war, in ungewohnter Weise mit erwartungsvollen Menschenmassen. Sobald dann in den Abendstunden in den mit Gästen gefüllten Kaffeehäusern Extrablätter aller Zeitungen den Abbruch der diplomatischen Beziehungen und damit den Krieg zwischen Österreich und Serbien bekanntmachten, änderten die Musikkapellen ihr friedliches Programm und stimmten kriegerische Weisen an. In patriotischen Reden und Gesängen, in Hochrufen auf den Kaiser und auf Österreich machte sich die Stimmung Luft, die sich auch auf der Strasse fortpflanzte und bis in die frühen Morgenstunden hinein anhielt.“ So beschreibt der Chronist Heinrich Reuther die Kriegsstimmung in Köln; er hätte auch über eine beliebige andere Stadt in Deutschland sprechen können. Die Begeisterung für den Krieg, den die meisten für unausweichlich, viele aber auch für notwendig zur inneren Erneuerung Deutschlands hielten, hielt auch in der rheinischen Metropole Einzug. Die traditionelle rheinische Distanz gegenüber den Preußen hatte auch hier schon lange einem prononcierten Nationalismus Platz gemacht. Das Militär war in Köln gut angesehen, und viele bessere Bürger trugen stolz ihre Reserveoffiziersuniform. Auch der Karneval hatte sich schon lange zu einem nationalistisch codierten Ereignis gewandelt, bei dessen Veranstaltungen „Heil Dir im Siegerkranz“ und „Deutschland, Deutschland über alles“ zum selbstverständlichen Liedgut zählten. Die Kriegsbegeisterung zeigte sich vor allem in den Stadtzentren und an den großen Plätzen als eine rauschhafte Party, die die sozialen Grenzen zu sprengen schien und die eine bisher nie gekannte Einigkeit der Deutschen dokumentierte. Wie anderswo veranstalteten auch in Köln Jugendliche spontane Umzüge unter Absingen patriotischer Lieder; vor den Zeitungsredaktionen sammelten sich Menschen, die auf neue Extrablätter warteten. Am 1. August verkündete das Deutsche Reich die Generalmobilmachung. Im Reichstag hielt Kaiser Wilhelm II. seine berühmte Rede vom Burgfrieden, die in dem Satz gipfelte „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“, und ganze Gymnasialklassen stürmten die Kölner Meldebüros, um sich als Freiwillige für den Kriegsdienst zu melden – so viele, dass so mancher junge Mann enttäuscht von dannen ziehen mußte, weil er nicht genommen worden war. Allgemein rechnete man mit einem kurzen – und natürlich siegreichen – Krieg.
Vieles an diesem Bild ist richtig; vieles ist aber auch unterschlagen. Auch in Köln war diese begeisterte Stimmung hauptsächlich im Stadtzentrum zu verzeichnen, und es waren vor allem Kinder, Jugendliche, besonders Gymnasiasten, die sich so kriegsbegeistert zeigten. In den Arbeitervierteln aber gab es eine ganz andere Stimmung. Hier war die Sorge mit den Händen zu greifen. Man fragte sich, was man mit diesem Krieg zu schaffen haben mochte und ob man ihn überhaupt unterstützen sollte. Seit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers hatte die SPD in Köln, wie auch in anderen Städten, Kundgebungen gegen den Krieg veranstaltet. Die Kölner Sozialdemokraten sprachen sich zunächst grundsätzlich gegen den Krieg aus und bezeichneten die Kriegsbegeisterung vor allem der Jugend als „Karnevals-Kriegsrausch“. Für den 29. Juli berief die SPD-Führung eine Protestversammlung im Volkshaus in der Severinstraße ein. In einer der eindrucksvollsten Massenversammlungen der Kölner Arbeiterbewegung sammelten sich um die 10.000 Menschen und verabschiedeten eine Protestresolution gegen den Krieg.

Die Kölner Sozialdemokratie war aber stramm rechts, und früher noch als ihre nationale Parteispitze ist sie auf die Kriegslinie eingeschwenkt. In Abstimmung mit der Polizei hatte die Parteiführung beschlossen, von Straßenkundgebungen abzusehen, und ein Demonstrationszug der Arbeiterjugend nach der Versammlung vom 29. Juli wurde nicht nur von der Polizei auseinandergetrieben, sondern auch von der Parteiführung heftig kritisiert. Die Rheinische Zeitung, das Sprachrohr der Kölner Sozialdemokratie, argumentierte zwei Tage später ganz auf der Linie des Burgfriedens, aber auch mit dem Argument, dass es ja schließlich gegen den russischen Despotismus gehe: „In dieser Stunde mit der deutschen Regierung zu rechten, wäre sinnlos. Wir haben keine Beweise dafür, dass sie den Frieden nicht mit allem Ernst zu erhalten gewünscht hat, und wenn sie selbst diplomatische Fehler begangen haben sollte, die schwere Not der Zeit gebietet uns zunächst Schweigen. Im Osten dräut unserem Volke die furchtbare Gefahr der russischen Barbarei, in deren Überflutung die deutsche Kultur rettungslos ersticken würde.“ In den ersten Augusttagen geriet die Zeitung angesichts der Generalmobilmachung in einen regelrechten Kriegsrausch und deutete ihn als den Aufmarsch des Proletariats: „…dieser Aufmasch eines großen Volkes hat etwas Gewaltiges, etwas Mitreißendes. Eine Riesenwoge unerhörten Opfermutes rollt durch das Land. … Der gereifte, hartgearbeitete Proletarier in Uniform! Aus dem Frondienst für das Kapital, aus dem Befreiungskampf für seine Klasse, aus dem schweren Ringen für des Lebens Notdurft wird er zum Schutze für das bedrohte Land gerufen. Er gibt hin alles was er hat: sein Leben, seine Familie, seine Organisation.“

Der Krieg wurde so schon ganz am Anfang als ein Stück Selbstbefreiung der Arbeiterklasse gedeutet. Es war nicht zuletzt der Kölner Sozialdemokratie zu danken, dass die Stadt im Weltkrieg zu einer Hochburg des Burgfriedens wurde. Insbesondere in Hinsicht auf die Versorgungspolitik, aber auch auf den Erhalt des Arbeitsfriedens in den Fabriken wurde sie und die ihr eng verbundenen Gewerkschaften bald unverzichtbar, und häufig sind Maßnahmen der Kriegswirtschaft von ihr ausgegangen. Erst recht hat die christliche Arbeiterbewegung den Kriegseintritt unterstützt. Der Sekretär der Kölner christlichen Gewerkschaften, Jakob Kaiser, meldete sich sofort als Kriegsfreiwilliger. Die katholischen Arbeitervereine gaben der Hoffnung Ausdruck, Gott möge den deutschen Waffen den Sieg verleihen. Damit waren sie ganz auf der kirchlichen Linie. Auch Erzbischof Felix von Hartmann ordnete an, dass die Geistlichen in das Kirchengebet die Bitte einfügen sollten, Gott möge Deutschland zum Siege führen.  

Am 2. August, dem Tag nach der allgemeinen Mobilmachung, erklärte Oberbürgermeister Wallraf in einer außerordentlichen Sitzung der Stadtverordnetenversammlung: „Dem Vaterland gehört jetzt jeder Gedanke. Und wir hier in Köln, innerhalb und ausserhalb des Hansasaales, die wir nicht das Glück haben mit ins Feld zu ziehen, dienen dem Vaterland am besten dadurch, dass jeder auf seinem Poten aushält und bis aufs Äußerste seine Pflicht erfüllt.“ Die Pflichterfüllung wurde vor allem auch als finanzielle Unterstützung verstanden. Sie erstreckte sich auf alle sozialen Klassen. Die reichen Kölner spendeten teils exorbitante Beträge – Theodor von Guilleaume 500.000 Mark, die Schwestern Mevissen 150.000 Mark. Als im September die erste Kriegsanleihe aufgelegt wurde – das Deutsche Reich finanzierte den Krieg, indem es sich von seinen Bürgern Geld lieh, das es nach dem gewonnenen Krieg mit Gewinn zurückzuzahlen versprach –, zeichneten die Kölner begeistert. Allein bei der Städtischen Sparkasse liefen insgesamt fast 26 Millionen Mark auf. Eine Kriegssammlung wurde eingerichtet, um die Soldatenfamilien zu unterstützen. Hier konnte man auch kleinere Beträge, Naturalien oder Kleidung spenden.

Die Kriegsbegeisterung äußerte sich aber auch darin, dass der Gebrauch der deutschen Sprache eingefordert, Menschen, die nicht deutsch sprachen, angepöbelt  und die Fremdwörter bekämpft wurden. Cafés und Restaurants mit englischen oder französischen Namen wurden verdeutscht. Aus dem „Café Piccadilly“ wurde so das „Kaffeehaus Germania“. Hotels sollten „Gasthaus“ heißen und Restaurants „Speisehaus“. Die Eindeutschung hatte jedoch ihre Grenzen. So wehrten sich die Eau de Cologne-Produzenten energisch und erfolgreich dagegen, dass ihre eingeführte Marke nun in „Kölnisch Wasser“ umbenannt werden sollte. Auch im Alltag war dies nicht so einfach, denn wie viele kölsche Jungs hießen Schäng, also Jean, und wie oft verabschiedete man sich mit „Adieu“, „Adjüss“ oder „Tschöö“? Wie sollte man auf Begriffe wie „Menü“, „Kotelett“ oder „Bouillon“ verzichten? Der Super-Patriotismus fand hier seine Grenze an den Alltagsgewohnheiten der Kölner.

Parallel zur Kriegsbegeisterung aber verbreitete sich allgemeine Besorgnis. Hamsterkäufe wurden vermeldet, Bankeinlagen zurückgefordert, Papiergeld wurde in Mengen gegen Gold eingetauscht. Bereits am Tag nach der österreichischen Teilmobilmachung kam es zu Menschenaufläufen vor den Banken; die Bürger wollten an ihr Geld. Unablässig waren die Geldtransporter der Sparkasse damit beschäftigt, Geld aus der Hauptkasse in die Filialen zu transportieren. Die Menschen stellten sich auf schwierige Zeiten ein.
Daneben zeichneten sich schnell andere Probleme der Versorgung ab: Bereits in der ersten Woche der Mobilmachung wurde ein Drittel der in Köln praktizierenden Ärzte einberufen, und von den noch anwesenden wurden viele von der Militärverwaltung beansprucht. Ein ernsthafter Ärztemangel zeichnete sich ab. Ähnliches war beim Öffentlichen Nahverkehr abzusehen, denn die Hälfte des Personals der städtischen Bahnen wurde alsbald eingezogen; die Einbuße war auch dadurch nicht aufzuwiegen, dass die Dienstzeit für die Schaffner und Fahrer auf  14, später auf 16 Stunden ausgedehnt wurde. Zwar stellte man Hilfskräfte ein, die aber nicht ausgebildet waren, so dass man das Tarifsystem gründlich vereinfachen mußte: Ein allgemeiner 10-Pf-Fahrschein galt nun für eine beliebig lange Strecke ohne Umsteigen.

Neben Fragen der öffentlichen Versorgung erregte vor allem die Beschäftigungslage Besorgnis. Denn gleich nach der allgemeinen Mobilmachung war die Arbeitslosigkeit in der Stadt stark angestiegen, und das, obwohl die ausländischen Arbeiter aus Feindnationen, darunter 1000 Italiener, in ihre Heimat verbracht wurden. Fabriken hatten in Erwartung stockenden Geschäftsgangs ganze Abteilungen geschlossen und die Arbeiter, sofern sie nicht sowieso einberufen waren, nach Hause geschickt. Gewerbetreibende, die ihre Ladung zum Militär erhalten hatten, hatten ihr Geschäft geschlossen und ihre Angestellten entlassen. Trotz der Requirierung von 15.000 Arbeitern durch die Militärbehörden für Armierungsarbeiten an der Festung betrug die Arbeitslosigkeit im August über 8000. Allerdings sollte sie sehr schnell wieder absinken; bereits im November übertraf die Zahl der offenen Stellen die der Stellensuchenden, und dies sollte sich während des Kriegs auch nicht mehr ändern. Den Krieg über würden Vollbeschäftigung und Arbeitskräftemangel herrschen, und man würde händeringend nach Ersatz für die einberufenen Arbeitskräfte suchen.

Über all dem lag eine große Unsicherheit, die niemals genau genug wissen konnte, wie es da draußen an der Front zugehe. Die Wirtshäuser und Cafés waren gut besucht, nicht nur von den Soldaten, sondern auch von vielen Bürgern, die nach neuen Informationen suchten, sich aussprechen wollten und Besorgnis und Angst auch mit einem Gläschen zu viel bekämpfen wollten. In diesen Anfangstagen floß der Alkohol in Strömen, und deshalb setzte der Polizeipräsident Mitte August die Sperrstunde auf Mitternacht fest. Gleichzeitig kam es aber auch schon zu Kritik an dieser Lebenslust, die die ernsten Zeiten anmahnte: jetzt sei nicht die Zeit zum Amüsement. Dahinter verbarg sich auch ein Generationskonflikt: Die Jugend, die – jedenfalls der männliche Teil – damit zu rechnen hatten, in den Krieg zu ziehen, feierte Saturnalien. Die Älteren drangen darauf, in dieser ernsten Zeit die Würde zu wahren. Wie ernst die Zeit aber tatsächlich werden würde, malte sich im schönen Sommer 1914 noch keiner aus.

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